Zwischen Suderwich, Studium und Selbstständigkeit – Zoë Roitzsch über Heimat, Hürden und ihren Weg in die Architektur

Zoë Roitzsch ist 20 Jahre alt, studiert Architektur in Bochum und hat ihre Wurzeln fest in Recklinghausen-Suderwich. Ihre Geschichte erzählt von Heimat, Selbstständigkeit und dem Mut, den eigenen Weg zu gehen – trotz Herausforderungen wie ihrer Schwerhörigkeit. Im Interview spricht sie über prägende Lebensstationen, ihre Liebe zur Kreativität, das besondere Lebensgefühl im Vest und darüber, warum jeder Mensch seinen Platz finden kann, wenn er bereit ist, dafür einzustehen.

FOTO: Sebastian Pokojski





Hallo, Zoë, schön, dich zu treffen. Stell’ dich doch unseren Leserinnen und Lesern kurz persönlich vor.

Ich bin Zoë Roitzsch, 20 Jahre alt und studiere Architektur an der Hochschule Bochum. Außerhalb des Studiums bin ich sehr gerne kreativ. Im Studium fühle ich mich derzeit sehr gut aufgehoben. Trotz Studium wohne ich noch in Recklinghausen-Suderwich und pendle täglich nach Bochum.

Wo im Vest lebst du, und was bedeutet dir dieser Ort?

Mein Leben ist stark durch den Ortsteil Suderwich geprägt. Hier habe ich als Kind mit meinen Freunden in den Feldern und der Umgebung gespielt und bin hier aufgewachsen. Das bedeutet für mich Heimat.

Welche Stationen in deinem Leben haben dich besonders geprägt?

Foto: Sebastian Pokojski
Ich habe nicht von Anfang an in Deutschland gelebt, da meine Eltern mit mir nach Amerika gezogen sind, als ich vier Monate alt war – aufgrund des beruflichen Werdegangs meines Vaters. Nach dem Auslandsaufenthalt war in Deutschland alles neu für mich, und Suderwich wurde erst danach zu meiner Heimat.

Ich bin schwerhörig. Deshalb war vor allem mein schulisches Leben durch einige Hürden geprägt. An der Maristen-Realschule war ich jedoch gut aufgehoben. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten in der Grundschule habe ich nie eine Förderschule besucht, sondern 2024 am Hittorf-Gymnasium mein Abitur bestanden.

Was machst du beruflich, und wie bist du dazu gekommen?

Ich habe schon früh gerne „The Sims“ gespielt – ein Spiel, in dem man unter anderem Häuser bauen kann. Dort habe ich stundenlang an Gebäuden gearbeitet. Jahre später fragte mich mein Vater, ob Architektur nicht etwas für mich wäre. Zunächst wollte ich Psychologie und Architektur verbinden, aber schließlich wurde mir klar, dass ich lieber den kreativen Weg gehen möchte.


Welche Rolle spielt das Vest in deinem Arbeitsalltag?

Ich durchquere das Vest täglich auf dem Weg zur Uni. Während meiner Praktika habe ich viele Baustellen im Vest besichtigt, was meinen Berufswunsch noch einmal gefestigt hat.

Was macht dir an deiner Arbeit am meisten Freude?

Der Zusammenhalt mit meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen, die Förderung meiner Kreativität und die Begeisterung für neue Erkenntnisse machen mir am meisten Freude.

Welche Herausforderungen begegnen dir im Alltag?

Zeit ist für mich knapp, was oft zu langen Nachtschichten an der Uni führt.


Was macht das Vest für dich einzigartig?

Vor allem in Suderwich ist es der ländliche Bezug und das starke Gemeindeleben, die das Vest für mich einzigartig machen.

Gibt es einen Ort im Vest, der dir besonders am Herzen liegt, und welche Erinnerungen verbindest du damit?

Ich finde das Wäldchen am Lohweg märchenhaft – dort war ich als Kind schon immer gerne. Auch die Johanneskirche im Dorf ist ein besonderer Ort für mich

 Das Wäldchen am Lohweg
Foto: Zoë Roitzsch


Ich bin oft mit Freunden mit dem Fahrrad durch die Felder gefahren. Viele Spaziergänge durch meinen Heimatort sind mir positiv in Erinnerung geblieben.

Auch meine ehrenamtliche Arbeit in der Gemeinde – die „Surker Jugend“, der Kirchortausschuss St. Johannes und das Jahr, in dem ich als Katechetin eine Kommuniongruppe begleitet habe – bedeuten mir sehr viel.




In ihrer Freizeit zeichnet Zoë auch gerne. Die beiden Werke stammen aus ihrer Feder. Das untere
Bild zeigt "die Liegende" vor dem Ruhrfestspielhaus.
Zeichnungen: Zoë Roitzsch


Welche Werte sind dir im Leben besonders wichtig?

Selbstständigkeit – also das zu tun, worauf ich wirklich Lust habe. Vor einem Jahr bin ich spontan nach Neuseeland geflogen, um einen alten Freund zu besuchen. Alleine zu reisen war ein großer Schritt für meine persönliche Entwicklung.


Gab es einen Moment, der dein Leben nachhaltig verändert hat?

Die spontane Reise nach Neuseeland hat mich sehr geprägt und mir viel Selbstvertrauen gegeben.

Wer oder was inspiriert dich?

Meine Eltern inspirieren mich auf jeden Fall. Auch meine Freunde helfen mir dabei, innerlich zu wachsen. Mir geht es vor allem um innere Werte.

Was wünschst du dir für das Zusammenleben im Vest?

Ich wünsche mir, dass man wieder mehr auf die Jugend schaut. Außerdem fände ich es schön, wenn es im Alltag mehr Zusammenhalt gäbe.

Welche Themen bewegen dich aktuell besonders?

Ich beschäftige mich derzeit viel mit feministischen Themen und damit, wie Frauen in der Gesellschaft immer noch benachteiligt werden. Außerdem machen mich die weltweiten Kriege traurig. Es belastet mich zu sehen, wie Menschen ihre Konflikte austragen.

Was würdest du dir für die Zukunft deiner Region wünschen?

Eine bessere Infrastruktur im Bereich der Transiträume – sowohl im ÖPNV als auch im Individualverkehr. Und mehr Sicherheit im ÖPNV.

Was sollten die Menschen im Vest unbedingt über dich wissen? Gibt es etwas, das du den Leserinnen und Lesern mitgeben möchtest?

Ich stehe zu meinen Standpunkten, diskutiere aber gerne und bin offen für neue Perspektiven. Sich nicht unterkriegen zu lassen, ist mir wichtig, denn meine Erfahrungen haben mich geprägt. Ich stehe für Akzeptanz und Gleichberechtigung.

Vor allem an die jungen Leser: Jeder kann seinen Platz im Leben finden – aber nicht ohne Einsatz. Alles ist möglich.

Vielen Dank, Zoë, für das Interview und viel Erfolg für dein Studium und deine Zukunft!


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