Ein Leben aus Recklinghausen: Adolf Reddemann erinnert sich – ehrlich, humorvoll und voller Vest-Geschichte
Mit Adolf Reddemann beginnt Menschen im Vest mit einer Persönlichkeit, die wie kaum eine andere für die Geschichte und den Charakter unserer Region steht. Er ist Jahrgang 1932, ein echtes Recklinghäuser Urgestein – und jemand, der trotz schwerer Zeiten nie den Humor, die Neugier und die Freude am Leben verloren hat.
In unserem Gespräch nimmt er uns mit in eine Zeit, die viele nur aus Erzählungen kennen: Kriegskindheit, Wiederaufbau, Jugend im Nordviertel, Handball, Kneipen, Tanzlokale, Familienleben, Architektur – und natürlich seine große Liebe Clara.
Ein Leben voller Erinnerungen, voller Wärme, voller Vest.
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| Foto: Sebastian Pokojski |
„Menschen im Vest“: Adolf Reddemann – ein Leben aus Recklinghausen
Adolf Reddemann ist einer von ihnen. In zwei Monaten wird er vierundneunzig. Heute erzählt er uns aus seinem Leben. Vorweg sei verraten: Adolf Reddemann spielt gern (und gut!) Doppelkopf, fährt „auf jeden Fall“ einmal jährlich nach Norderney, wo er am liebsten draußen am Klabautermann mit einem Bierchen sitzt und „Leute guckt“. Er macht regelmäßig Gymnastik, damit „die alten Knochen nicht einrosten“.
Er wohnt mit zwei seiner Töchter sowie den Hunden Peggy und Colin unter einem Dach – mit großem Balkon und Blick ins Grüne. Er fühlt sich zuhause rundum wohl und wird bestens versorgt. Adolf Reddemann mag Quentin Tarantino, Clint Eastwood, Sandra Bullock, gern auch mal ein Pinnchen Schnaps, gekochten Pudding, Tierdokus, Modellautos im Maßstab 1:18 und deutschen Schlager. Er arbeitete als Architekt und war 54 Jahre verheiratet. Seine Frau Clara starb im Dezember 2013. „Das war schwer“, sagt er. „Aber ich habe vier großartige Kinder.“
Sie haben ein stolzes Alter, Herr Reddemann. Jahrgang 1932. Ein Ur-Recklinghäuser?
Bin ich. Ich hab’ sogar von Geburt an immer dieselbe Adresse. Höhe Friedhof, zwischen Hohlweg und Halterner Straße, stand unser altes Fachwerkhaus. Das wurde Ende der 1950er abgerissen für den Bau eines Mehrfamilienhauses. Sah dort damals alles etwas anders aus – da führte noch ein Abwassergraben bis zum Friedhofshäuschen am Wegende.
Bei dem Graben fällt mir immer das völlig bedepperte Gesicht von Schuster Malldei ein. Den hat eins unserer Schafe ’rein geschubst, von hinten kräftig in den Allerwertesten, kopfüber hinein. Wir Jungs hatten unsere Gaudi. Er nicht. Schuster Malldei wohnte über uns. Nebenan wohnten mein Onkel und meine Tante, die Geschwister meines Vaters, mit ihrer Familie.
Wir hatten neben den Schafen auch Hühner – das war während des Krieges und in der Nachkriegszeit natürlich von Vorteil. Viele litten ja an Hunger.
Über Ihre Kindheit erzählen Sie im Buch „Generation 45 Ruhrgebiet: Kriegskinder erinnern sich“. Sehr beeindruckend übrigens. *
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| Adolf Reddemann mit Bruder Helmut und Vater Eberhard (1940) Foto: privat |
Ich selbst war von Kriegsbeginn an die meiste Zeit gar nicht zuhause. Mein Bruder Helmut und ich waren in der Kinderlandverschickung. Ich zuerst in Karlstadt, dann in Mittenwald. Bis Kriegsende. Da war ich dreizehn. In dem Alter waren wir alle erwachsener, als wir hätten sein sollen. Eben keine normalen Jungs mehr. Ich war richtig hart. Hab’ nie geweint.
Wie war das denn für Sie, nach ’45 wieder zuhause in Recklinghausen?
Das Nordviertel war ja stark zerstört. Da war viel kaputt, das wieder aufgebaut werden musste. Meine alte Grundschule Im Romberg stand noch. Die sieht heute noch genauso aus wie damals. Auf der waren später, in den 60ern und frühen 70ern, auch meine vier Kinder.
Ja, und ich… also 1945… ich ging aufs Jungsgymnasium. Hittorf.
Und in der Familie? Wie lief das da?
War natürlich schön, zuhause zu sein. Aber ich bin auch gern weg gewesen, das war in Ordnung für mich.
Also Familie nach Kriegsende… meine kleine Schwester Edith ist im Mai ’45 tödlich verunglückt. Ein Blindgänger. Das war schlimm. Meine Mutter ist da nie so richtig drüber weggekommen. Aber sonst… es ging eben weiter, alles.
Spezielle persönliche Ereignisse vielleicht?
Feldhandball hab’ ich gespielt. Und Ski gefahren bin ich im Stadtgarten auf den Hügeln. Das war toll. Im Winter 1947. Streng war der. Jede Menge Schnee.
Ich hatte eigene Skier. Geschenkt bekommen von einem Landser. Die hab’ ich mit nach Hause geschleppt, nachdem mein Vater meinen Bruder und mich aus Süddeutschland abgeholt hatte, als der Krieg vorbei war. Wir sind mit dem Zug gefahren, meist oben auf dem Dach, der Zug war ja rappelvoll. Unser Vater war Eisenbahner, der hat das organisiert mit der Heimfahrt.
Auf jeden Fall hab’ ich die Skier die ganze Zeit geschleppt, die waren ja nicht schwer. Aber bis auf diesen einen Winter waren die ja auch nutzlos. Da haben wir die Dinger unter ein durchhängendes Sofa genagelt. Passte.
Und Feldhandball? War das im Verein?
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| Adolf Reddemann Mitte der 50er Jahre: James-Dean-Pose Foto: privat |
Später, als wir älter waren, haben wir von der 2. Mannschaft uns bei Heidling an der Petruskirche auf ein Bier getroffen. Wir nannten uns Cognac-Mannschaft. Ich war da schon in der Maurerausbildung bei Tillmann, war ’ne gute Zeit.
Bei Heidling lief das so ab, dass ein steinerner Literkrug reihum ging, und jeder trank einen Schluck. Wer den letzten Schluck erwischte, musste den nächsten Krug bezahlen. War so ein Kneipenspiel.
Überhaupt, Kneipen gab’s ja damals an jeder Ecke. Da traf man immer jemanden. Da wurde Skat gespielt, geknobelt, da war man auch schon mal auf ein bisschen Krawall aus. Aber immer harmlos. Wenn’s irgendwie brenzlig wurde, sind wir fix abgehauen.
Ich bin auch öfter mal mit Kumpels per Straßenbahn nach Herne gefahren, da haben wir uns gern rumgetrieben. Da war auch so ein Tanzlokal, da gab’s dann Ärger mit den Hernern. Ging meist um deren Mädchen.
In Recklinghausen gab’s doch sicher auch nette Tanzlokale. Wo lernten junge Leute sich in den 1950ern kennen?
Man sprach sich einfach an, kannte ja auch viele vom Sehen. Wenn da ein Mädelstrio die Breite Straße hochspazierte und extra wieder runter und wieder rauf und runter, während wir denen folgten – zu zweit oder zu dritt –, was sie ja auch merken sollten, klar, dann sprach man sich irgendwann an.
Und dann verabredete man sich? Auf einen Kaffee, zum Tanzen oder ins Kino? Wo war das Kino damals überhaupt?
Ja, jetzt nicht sofort Verabredung. Wie das halt so lief.
Aber wir hatten nicht ein Kino. Da war die Schauburg hinter dem Bahnhof, das Apollo, das Odeon in der Innenstadt. Das „Kino zu den 1.000 Stufen“ an der Breiten Straße, später Studio – das mit der Treppe. Wir kauften meist Karten für die Halunkenloge. Ganz vorn. Das ging beim Gucken ganz schön in den Nacken. War aber am billigsten.
Können Sie sich noch an Ihren ersten Kinofilm erinnern?
Das war garantiert ein Western. Hab’ ich immer schon gern gesehen, vor allem später die Italos. In den 1970ern und 1980ern hab’ ich auch diese Westerngeschichten gelesen und gesammelt. Lassiter. So Hefte, die gab’s am Kiosk. Kennen Sie wohl nicht?
Ich gestehe, nein. Aber wo ging man noch hin außer ins Kino?
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| Sprung ins Leben Foto: privat |
Ich war sogar in der Tanzschule. Also wir Männer, nicht ich allein. Wir tranken so im Haus Richter an der Halterner Straße unser Bier, da kam uns die Idee mit der Tanzschule Fels. Die war direkt nebenan, und dann sind wir da hin. Da konnte man ja nun auch gut Frauen kennenlernen.
Na, und einer eben, der bot ich an, sie nach Hause zu begleiten. Die kam aber aus Röllinghausen, das war ein ziemlicher Fußmarsch. Als wir angelangt waren, hauchte die mir einen Kuss auf die Wange, und das war’s dann. Ich dackelte den ganzen Weg bis ins Nordviertel zurück und ärgerte mich. Ich war aber auch recht schüchtern.
Wie haben Sie denn Ihre erste feste Freundin kennengelernt?
In der Gruppe. Wie gesagt, man kannte sich ja oft vom Sehen, das ergab sich. War eine Pfarrerstochter. Meine Mutter mochte die.
Ich war mit der im Konzert im Saalbau, da bin ich eingepennt. Da war sie schon mal knatschig. Wir blieben danach auch nicht mehr lange zusammen. Sie wollte was richtig Festes mit mir. Das war noch nichts für mich.
Und Ihre spätere Ehefrau trafen Sie wo?
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| Adolf Reddemann mit seiner Frau Clara Foto: privat |
Mein Bruder Helmut und ich mussten zur Polizeiwache wegen angeblicher Zechprellerei. Das stimmte aber absolut nicht, wir waren ziemlich sauer, und die Polizisten glaubten uns auch. Den einen kannte ich vom Handball, der sagte nur: „Haut mal flott ab, Jungs“, und das machten wir.
Wir gingen in den Saalbau, der war ja ganz in der Nähe der Wache, und da saßen zwei nette Frauen an einem Tisch: Clara Schmies und ihre Freundin. Die Dunkelhaarige, die Clara, forderte ich zum Tanzen auf. Damit fing das an.
1959 heirateten wir, 1960 wurde meine Tochter Anke geboren. 1963 Karin, 1965 Dagmar. Ein Jahr später Andreas. Da feierte die ganze Nachbarschaft. So war das damals. Nach drei Mädels doch noch ein Sohn. So musste das sein.
Wie ging’s mit Ihnen selbst weiter ab den 1960ern?
Ich hab’ ja als Architekt gearbeitet. Pläne gezeichnet, Häuser gebaut. Auch in Haltern, Lavesum.
Zuerst im Ostvest neun Jahre. Waltrop. Da haben wir die ganze Messingfeldsiedlung gemacht.
Nach Feierabend traf sich die ganze Belegschaft in der Schwarzen Kuhle. Das war eine Kneipe hinter dem Schiffshebewerk Richtung Waltrop. Da kamen alle hin – vom Maurer bis zum Tiefbauunternehmer. Da wurde eben auch viel gesoffen, das kann man ruhig sagen, war ja so. Überhaupt in der Baubranche in den 1970ern.
Aber da war viel Gemeinschaftssinn. Es wurden ja auch Aufträge vergeben – so an der Theke beim Bier. Man kannte sich eben. Das war alles irgendwie lockerer damals. Gute Arbeit war das trotzdem.
Ja, und in den 1980ern und -90ern, das war dann schon anders. Ich hab’ das alles immer gern gemacht.
Und in der Freizeit? Was wurde unternommen?
Am Wochenende waren wir oft in der Haardt. Spazieren. Dann Ausflugslokal.
Vier Kinder, der Bruder meiner Frau, dann meine Frau, der Hund und ich – alle ins Auto rein und ab.
Urlaub haben wir oft im Schwarzwald gemacht. Und im Spessart. See kam später.
Aber so im Schwarzwald, da war Ruinensuchen dran. Ich hatte es immer mit Ruinen. Die konnten noch so hoch und versteckt liegen – da musste ich hin. Und die ganze Familie mit.
Meine Frau meinte, da könnte noch so ein kleiner Stein sinnlos irgendwo liegen, den würde ich garantiert finden und begutachten.
Wussten Sie denn, was das für Ruinen waren? Also was da mal gestanden hatte?
Nö. Meistens nicht. Ich hab’ spekuliert.
Was kam nach den Ruinen?
Ach, das ist ja schon ewig vorbei. Unsere Kinder wurden größer, die hatten dann auch keine Lust mehr auf jeden Steinhaufen.
Die waren dann auch alle vier längst schon auf dem Gymnasium – auf dem Marie-Curie, dem alten Lyzeum an der Görresstraße. Der Altbau sieht ja auch immer noch aus wie früher, fällt mir grad ein.
Ja, und nach dem Abitur haben dann alle vier studiert. Das war schon alles richtig so.
Das klingt nach Zufriedenheit.
Kann man auch sein. Zufrieden. Überhaupt.
Herrscht zwar überall in der Welt Chaos, aber ernsthaft: Ich bin fast vierundneunzig, was soll mich da groß noch jucken?
Was gefällt Ihnen an Recklinghausen?
Ach… mir gefällt die Stadt eben. Hat sich auch nicht so viel geändert.
Doch. Karstadt ist nicht mehr da. Hieß früher Althoff. Da hat man alles gekriegt – vom Zirkel bis zum Klodeckel.
Und so richtig gutbürgerlich essen, das geht hier wohl gar nicht mehr. Früher kriegte man in der Kneipe ’ne ordentliche Ochsenschwanzsuppe. Und Frikadellen. Aber selbst gemachte.
Also, wäre ich jünger, würde ich sagen, dass die Kneipen im Nordviertel fehlen. Die von heute wissen ja gar nicht, wie das ist – so eine Kneipe um die Ecke, wo immer jemand quatschen möchte, wo man immer Leute findet, die knobeln wollen oder Skat spielen. Oder einfach zusammen einen trinken. Wo man sich eben kennt. Ist ’ne andere Zeit.
Gibt es einen Ort in Recklinghausen, der Ihnen besonders wichtig ist? Außer Ihrem Zuhause natürlich.
Da fällt mir jetzt nichts ein. Besonders?
Oder doch, ich sag dann mal: die Kapelle in Stuckenbusch. Da haben Clärchen und ich geheiratet.
Ach, und die Brücke, über die man zum Festspielhaus im Stadtgarten kommt – die hab’ ich mit betoniert. 1962, ’63. Die erste Spannbetonbrücke in NRW war das, mit so einem besonderen Stahl, da fehlt mir jetzt der Name. Ist ja wohl ’ne gute Brücke geworden.
Persönliche Erinnerungen?
Als die Kinder noch kleiner waren, sind wir immer am Rosenmontag zum Lohtor marschiert. Da traf man dann noch Leute oder Familien, die man kannte, und alle haben sich den Zug angesehen und sind anschließend ab in den Saalbau.
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| Reddemans-Vier: Erst Foto, dann Rosenmontagszug, dann Saalbau. So war das. Foto: privat |
Da war Karnevalsprogramm, da kamen auch die ganzen Garden hin. Das war schon was. Das haben wir viele Jahre so gemacht. Den Saalbau gibt’s ja längst nicht mehr.
Ja, und dann am ersten Mai – grüner Hügel. Da geschlossen hinzugehen war auch immer schön. Das war früher besser. Mein’ ich.
An Urlaube erinnert man sich ja auch gern.
Sicher. Nordsee. Oft.
Auf Rhodos und Mallorca war ich später auch mal. Borkum mehrmals. Norderney natürlich. Bodensee. Da wohnt mein Sohn Andreas.
Und in Prag war ich mit meiner Frau und meiner Tochter Dagmar. Da ist uns in der ersten Nacht das Bett unterm Hintern weggekracht. War ein altes Hotel. Clärchen und ich haben dann ein neues Zimmer gekriegt. Prag war gut.
Und dieses Gespräch mit Ihnen hat uns auch gut gefallen, Herr Reddemann. Vielen Dank! Mit den besten Wünschen für Sie.
* Verlag: Henselowsky Boschmann, Bottrop (2025)





