Oasen des Lebens: Dieter Jacob über Glaube, Kunst und die Kraft des Ja‑Sagens


Dieter Jacob ist ein Mann, der sein Leben mit einem klaren Vorzeichen lebt: einem entschiedenen Ja. Der Recklinghäuser spricht über seine drei persönlichen Oasen, seinen ungewöhnlichen Lebensweg und darüber, wie Glaube, Kreativität und Optimismus ihn bis heute tragen. Ein Gespräch mit einem Menschen, der gelernt hat, aus jedem Minus ein Plus zu machen.



Hallo, Dieter, schön, Dich zu treffen. Stell’ Dich doch unseren Leserinnen und Lesern kurz persönlich vor.

Sehr gern. Ich lebe im Ortsteil Suderwich, bin glücklicher Ehemann, stolzer Großvater von sechs Enkeln, Künstler und bekennender Christ. Charakteristisch für mich ist mein Optimismus. Ich sage Ja zum Leben – ganz einfach und doch so immens kostbar.

Familienmensch, Künstler, Christ: Wie verbindest Du das in Deinem Alltag?

Ich drücke es so aus: Mein Leben findet an drei Orten statt. Zu Hause in Suderwich, klar. Dann in meinem Atelier in Recklinghausen. Und in unserer Kirchengemeinde, der Kreuzkirche in Suderwich. Dort verbringen wir, vor allem mit den Kindern, viel Zeit. Das schenkt Kraft, schafft Vertrauen und macht glücklich.

Gibt es eine treffende gemeinsame Bezeichnung für diese drei Orte?

Oasen. Ja, es sind Oasen. Unterschiedliche Rückzugsorte, an denen meine liebe Frau und ich uns investieren. Orte, an denen ich Zeitopfer und manchmal auch Nervenopfer darbringe. Fast jedes Mal gehe ich danach fröhlich und zufrieden in eine andere Oase zurück.

Besonders prägend – ja, nahezu lebensentscheidend – war für mich der Moment, in dem ich Jesus Christus als meinen Herrn annahm. Das war vor etwa 50 Jahren. Ab da wurde das Vorzeichen meines Lebens verändert: Aus meinem Minus wurde ein Plus.

Was machst du beruflich, und wie bist du dazu gekommen?

Aufgrund meiner Körperbehinderung bin ich seit fast 30 Jahren Rentner. Im Laufe meines Lebens durfte ich mehrere Berufe und Ausbildungen erlernen. Zunächst wurde ich Elektriker, später Krankenpfleger. Dann absolvierte ich eine Grundausbildung zum Diakon. Danach arbeitete ich als Reichsbahnsekretär und Güterwagendispatcher. Anschließend ließ ich mich zum Prädikanten ausbilden und war als Pfarrer in drei Dorfgemeinden in Thüringen tätig. Später folgte die Ausbildung zum Katecheten – das entspricht etwa einem Kinder- und Jugendsozialarbeiter im kirchlichen Bereich. Zu guter Letzt machte ich noch eine Ausbildung zum biblisch fundierten Seelsorger.
Irgendwann sagte ich mir: „Jetzt reicht’s. Jetzt ist genug – und ich wende das Gelernte nur noch an.“

Am meisten Freude macht mir heute, wie meine farblichen Vorstellungen langsam Gestalt annehmen – und das Wissen, dass meine Malweise einzigartig ist. In Deutschland, in Europa und wahrscheinlich auch weltweit.

Auch Gegenstand seiner Kreativität:
Ein Werk aus Speckstein mit dem
 Titel "Metamorphose"

Welche Herausforderungen begegnen dir im Alltag?

Mein Alltag als Körperbehinderter steckt voller Herausforderungen. Oft begegnen mir rücksichtslose Menschen, die aufgrund meines Torkelns vermuten, ich sei betrunken. Manche können mich deshalb nicht ernst nehmen.

Was macht das Vest für dich einzigartig?

Einzigartig ist für mich die Mentalität der Menschen. In meiner Heimat, dem Erzgebirge, bin ich es gewohnt, Menschen zu grüßen, die man öfter sieht. Hier im Vest dauerte es etwa sechs Jahre, bis die Menschen zurückgrüßten. Noch einmal vier Jahre später waren die ersten bereit für einen Small Talk. Mittlerweile begegnen mir die meisten offenherzig und freundlich.

Gibt es einen Ort, der dir besonders am Herzen liegt, und welche Erinnerungen verbindest du mit deiner Heimatregion?

Meine Heimat ist Annaberg-Buchholz im Erzgebirge. Oft denke ich sehnsuchtsvoll an sie – oder „Haamit“, wie wir Erzgebirgler sagen. Dann fällt mir aber der Satz aus der Bibel ein: „Wir haben hier keine bleibende Stadt; die zukünftige suchen wir.“
Ich lebte dreißig Jahre dort, die ersten achtzehn als Einzelgänger und „Looser“. Als ich Christ wurde, hatte ich plötzlich viele Freunde, die jeden akzeptierten, wie er war. Wir trafen uns oft zum Singen, Beten, Quatschen und für Unternehmungen. Ich erlebte eine gesunde Kirchengemeinde mit all ihren Facetten.

Welche Werte sind dir im Leben besonders wichtig?

Ganz wichtig sind mir gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist – und Gott macht keine Fehler.

Gab es einen Moment, der dein Leben nachhaltig verändert hat?

Nachhaltiger als der Moment meiner Bekehrung gibt es nichts. Vieles hat mich beeindruckt, aber wirklich verändert hat mich vor allem das.

Wer oder was inspiriert und motiviert dich?

Mich interessieren seit jeher alte Burgen, Schlösser und Fachwerkhäuser im Kontrast zur Gegenwart. Spannend finde ich auch die Vedutenmalerei, die versucht, Landschaften fotorealistisch wiederzugeben.

Eines seiner Werke im Pointillismus-Stil

Mich motiviert ganz klar meine Frau, die mir oft mit ihrem geschätzten Rat und mit ihrer Tat zur Seite steht. Sowie meine Familie, die mich ebenfalls oft beraten und meine vielen Freunde, die mich im Alltag begleiten. Alle gemeinsam sind mir eine große Hilfe, die mir nonverbal helfen mit der Intention: „Aufgeben ist keine Option.“ Sie alle sind mir eine Stärkung in meinem körperlich schwierigem Alltag.

Was wünschst du dir für das Zusammenleben im Vest?

Ich wünsche mir, dass die Menschen viel eher aus ihrer Anonymität und Ich-Bezogenheit heraustreten und fröhlich miteinander leben.

Welche Themen bewegen dich aktuell besonders?

Neben außenpolitischen Themen beschäftigen mich vor allem Fragen des Glaubens. Wie können wir Christen missionarisch wirksam werden? Was können wir tun, damit "laue christliche Menschen" zu "brennenden Christen" werden?

Was würdest du dir für die Zukunft deiner Region wünschen?

Zuallererst jährlich eine Zeltevangelisation. Außerdem mehr Offenheit für Kunst von „außenstehenden“ und naiven Künstlern – gerne ohne Geschäftsinteressen derjenigen, denen der Ausstellungsort gehört. Und eine Ausstellung zum Thema „Kunst trotzt Handicap“.

Was sollten die Menschen im Vest unbedingt über dich wissen?

Dass ich kostenlos torkle.
Und dass ich Bilder male, wie sie weltweit niemand malt – im Neo-Pointillismus-Stil, mit Stecknadelkopf-großen Pünktchen.

Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben?

Ich würde sagen: „Lass dich von niemandem einschüchtern – außer von der Bibel.“

Gibt es etwas, das du den Leserinnen und Lesern mitgeben möchtest?

Da ich ein missionarisches Herz habe, würde ich empfehlen: „Sei ganz SEIN oder lass es ganz sein.“ Oder: „Ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn – wie eine halbe Brücke.“
Darum sind in jedem meiner Bilder die Buchstaben SDG zu finden: Soli Deo Gloria – allein zu Gottes Ehre. Amen.

Klingt ja wirklich positiv, Dieter. Und aus tiefster Seele. In diesem Sinn: Danke für das Gespräch.

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